Als die Dirty Rainbows wieder zu sich kamen, war nichts mehr wie zuvor.
Sie erwachten in offenen Särgen, umgeben von kaltem Stein. Über ihnen spannte sich ein Himmel aus Asche, durchzogen von rötlichem, fremdartigem Licht. Kein Wind, kein Vogelruf – nur ein dumpfes, beunruhigendes Klopfen, das aus der Nähe zu hören war.
Nach kurzer Orientierung wurde klar: Die Helden befanden sich gemeinsam in einer etwa drei Meter tiefen Grube. Das Geräusch kam aus einem weiteren Sarg, der fest verschlossen war. Als dieser geöffnet wurde, konnte der Mann darin befreit werden – Eldon Schlüsselwart, jenes Opfer, das während des Rituals in einem Käfig über dem Boden gehangen hatte.
Um sich einen Überblick zu verschaffen, ließ sich Xyrola von Aukhan hochheben, während Netodoboven sich mithilfe von Magie nach oben schwebte. Ihr Blick offenbarte eine düstere Erkenntnis: Sie befanden sich auf einem Friedhof. Und sie waren nicht allein. Mehrere Ghoule streiften zwischen den Gräbern umher.
Nachdem alle Gefährten aus der Grube geholfen worden waren, bemerkten die Untoten die Gruppe – doch der folgende Kampf war kurz und entschlossen. Die unmittelbare Gefahr war gebannt.
Eldon, der sich bisher im Hintergrund gehalten hatte, analysierte die Umgebung mit nüchternem Blick. Seine Erkenntnis war beunruhigend: Die Gruppe befand sich nicht mehr in Niewinter. Sie waren in Immernacht – einer verdrehten, düsteren Spiegelung der Stadt im Shadowfell. Ein Ort, der von Vampiren und anderen Untoten beherrscht wird, und an dem Lebende nur selten auftauchen… meist als Beute.
Eldon vermutete jedoch eine Chance: Wo es in Niewinter einen Markt gibt, müsste es auch hier einen geben. Dort könnten sie Informationen über die Dämmerrisse erhalten, durch die sie hierher verschleppt worden waren – und vielleicht sogar einen stabilen Riss, der eine Rückkehr ermöglichen würde.
Der Markt ließ nicht lange auf sich warten.
Der sogenannte Leichenmarkt bot einen Anblick, den keiner der Helden je vergessen würde:
Eingelegte Finger, sorgsam eingewickelte Organe, Gläser voller Blut, Totengewänder, Schmuck an abgehackten Händen – und zahllose weitere makabre Waren. Besonders ins Auge fielen Kelche, in die scheinbar flüssige Lava eingearbeitet war.
Die Händlerin dieser Waren war eine Vampirin namens Sangora. Sie bot die Kelche für zwanzig Goldmünzen an – oder zehn Stück zum Preis von neun. Doch sie handelte nicht nur mit Waren, sondern auch mit Informationen.
Nach Fragen, Antworten und zähem Feilschen verlor Eldon schließlich die Geduld. Er überreichte Sangora zwanzig Goldmünzen für eine einzige, entscheidende Information: den Ort eines stabilen Dämmerrisses zurück nach Niewinter.
Sangora nannte ihr Ziel – die Gruft der Familie Dolindar.
Gemeinsam machten sich die sechs Abenteurer erneut auf den Weg zum Friedhof. Die Gruft war schnell gefunden – doch kaum hatten sie sie erreicht, wurden sie von einer Gruppe Vampire angegriffen. Offenbar hatten diese frisches Blut gewittert und die Dirty Rainbows zur nächsten Mahlzeit erklärt.

Der Kampf war hart und fordernd. Holzpflöcke, Stahl und Entschlossenheit entschieden schließlich das Gefecht – vier Vampire fanden ihr endgültiges Ende. Erschöpft und angeschlagen zogen sich die Helden gemeinsam mit Eldon in den Eingangsbereich der Gruft zurück. Ein Wachplan wurde erstellt, und sie gönnten sich eine dringend benötigte Rast.
Während Akashas Wache jedoch geschah etwas Unerwartetes.
Aus den tieferen Stockwerken der Gruft war plötzlich ein fröhliches Summen zu hören.
Unsicher, was sie erwartete, weckte Akasha leise ihre Gefährten. Gemeinsam schlichen sie hinab – und fanden dort einen Geist, der seelenruhig eine Grabkammer fegte. Die Erscheinung stellte sich als Nuumi vor. Zu Lebzeiten war sie eingestellt worden, um die Gruft sauber zu halten. Wie lange sie diesen Dienst bereits verrichtete, wusste sie nicht mehr.
Nuumi berichtete jedoch von beunruhigenden Dingen: Drei Mitglieder der Familie Dolindar hätten keine Ruhe gefunden. Aus Angst vor ihnen habe sie seit Jahren bestimmte Bereiche der Gruft gemieden. Zudem wusste sie von einem Raum mit Rätselknöpfen, dessen Zweck ihr selbst unklar war.
Nach Abschluss der Rast berieten die Helden gemeinsam mit Eldon über ihr weiteres Vorgehen. Der direkte Weg führte zu den ersten beiden ruhelosen Untoten – der alternative Weg schien sicherer. Schließlich entschieden sie sich für Letzteren und gelangten in eine Schatzkammer.
Doch Xyrola hielt die Gruppe davon ab, die Schätze anzurühren. Sie war überzeugt, dass auf ihnen ein Fluch laste.
So setzten die Dirty Rainbows ihren Abstieg fort – entschlossen, sich nun den Rätselknöpfen zu stellen und den Geheimnissen der Gruft weiter auf den Grund zu gehen.